Interview Zweimal hat Sebastian Tewinkel die Bamberger Symphoniker schon für Rundfunkaufnahmen dirigiert. Jetzt gibt er am Donnerstag und Freitag mit Cello-Solist Danjulo Ishizaka sein Konzertdebüt bei den Abonnementreihen B und A sowie am Samstag in der Erlanger Heinrich-Lades-Halle.
Er gehört zu den noch jungen Dirigenten, die zwar für Rundfunkaufnahmen schon mit den Bamberger Symphonikern gearbeitet haben, aber sich noch nicht dem hiesigen Publikum präsentiert haben: der 38-jährige Sebastian Tewinkel, der am Donnerstag und Freitag in der Konzerthalle sein Debüt bei Abonnementkonzerten gibt und sich am Samstag auch noch in Erlangen vorstellt – zusammen mit dem deutsch-japanischen Cellisten Danjulo Ishizaka und einem Programm, das unkonventionell Meister der Wiener Klassik wie Haydn und Beethoven amerikanischen Klassikern des 20. Jahrhunderts wie Samuel Barber und Aaron Copland gegenüberstellt. Restkarten für die Konzerte in Bamberg gibt es beim bvd-Kartenservice, Lange Straße 22, Telefon 0951/9808220 sowie an der Abendkasse.
Sie haben mit den Symphonikern schon gearbeitet, debütieren aber vor dem Konzertpublikum.
Sebastian Tewinkel: Ich war schon zweimal bei Rundfunkproduktionen hier, 2008 und 2009. Die eine Produktion umfasste "On the Town"-Tänze von Leonard Bernstein, das Martinu-Oboenkonzert mit dem fantastischen Solisten Kai Frömbgen, ein Stück von Peteris Vasks "Musica dolorosa" für Streichorchester, und als größtes Werk "Le chasseur maudit" von César Franck. Und im letzten Jahr gab es dann eine Rundfunkproduktion, bei der ich kurzfristig für Jonathan Nott eingesprungen bin: mit zwei Uraufführungen – mit Stücken von Paul Engel und von Hans Stadlmair – und dem Jeune-Homme-Konzert von Mozart. Diese Rundfunkproduktionen haben offensichtlich ganz gut funktioniert, sonst wäre man nicht auf mich zugekommen und hätte mich nicht zu den Konzerten jetzt eingeladen.
Wie ist Ihr Eindruck vom Orchester?
Wenn man so den Wettbewerb verfolgt und die ganzen Jungstars sieht, zähle ich ja gar nicht mehr zur jungen Generation, aber ich fühle mich eigentlich noch so. Es ist immer etwas Besonderes, als nach wie vor eher junger Dirigent vor so einem Spitzenorchester zu stehen. Die Arbeitsatmosphäre hier ist angenehm, es gibt sehr viel Offenheit im Orchester, Bereitschaft und Flexibilität.
Was ist das Besondere an diesem Konzertprogramm?
Dass diese Stücke entweder noch gar nicht oder vor langer Zeit in Bamberg gespielt worden sind. Wolfgang Fink und ich haben das miteinander so abgesprochen: Das Prinzip ist, dass wir mit Beethovens Ouvertüre zu "Coriolan" und mit Haydns Symphonie Nr. 102 eine klassische deutsche erste Hälfte haben, und im zweiten Teil zwei amerikanische Klassiker des 20. Jahrhunderts mit dem Cellokonzert von Samuel Barber und "Appalachian Spring" von Aaron Copland.
Es ist in beiden Hälften Musik, die sehr pointiert ist, sehr viel Rhythmus hat und doch von einer gewissen Leichtigkeit und Transparenz lebt. Und deswegen kann man auch über das ganze Programm einen Bogen spannen. Wobei jedes Stück seine eigene Schwierigkeit hat – und natürlich seinen eigenen Reiz. Haydn zum Beispiel ist immer heikel: Man muss sehr differenziert arbeiten, weil man eben alles ganz genau hört. Haydn ist, wie der Konzertmeister auch sagt, Hygiene für das Orchester. Das Copland-Konzert ist ziemlich komplex, hat sehr viele Taktwechsel, Tempowechsel, sehr viele Übergänge, ist ein rhapsodisches Stück.
Worin genau besteht der rote Faden bei diesem Programm?
Da ist diese schon erwähnte Leichtigkeit. Ansonsten versuche ich, dass man durch die unterschiedlichen Stilisierungen fast das Gefühl hat, als wäre bei jedem Stück ein anderes Orchester auf der Bühne, dass man jedes dieser Werke in der jeweiligen Epoche und auch den Interpretationsansatz so sieht, dass es wirklich ganz anders klingt, selbst wenn die Noten ähnlich aussehen. Ich denke, dass die erste Hälfte auf eine Art und Weise gespielt wird, die vielleicht auch für das Publikum nicht ganz gewöhnlich ist. Ich versuche, das alles ein bisschen geschärft und sehr transparent zu machen – historisch informiert, wie man heutzutage sagen würde. Wir spielen die erste Hälfte also auch mit Naturtrompeten und entsprechenden Pauken, was für die Bamberger Symphoniker noch nicht ganz typisch ist, sich aber immer mehr durchsetzt. Und die Streicher werden zwar nicht vibratolos, aber mit bewusstem Einsatz des Vibratos gespielt. Ich bin da kein Freund von dogmatischen Lösungen, ich versuche, das ein bisschen zu differenzieren, aber natürlich mit einem anderen Vibratoeinsatz als in der zweiten Hälfte des Konzerts.
Ihre Karriere ist nicht ganz geradlinig verlaufen.
Ich bin von Haus aus Geiger, habe, was gar nicht in den Biografien steht, nach Abitur und Zivildienst erst einmal sogar Pharmazie studiert! Aber nur ein Semester lang, in dem ich dann mehr Musik gemacht habe als Pharmazie. Dann habe ich, weil ich bei meinen miserablen Klavierkenntnissen niemals einen Studienplatz im Dirigierfach bekommen hätte, zunächst Schulmusik studiert, um am Gymnasium Musik zu unterrichten, mit dem Beifach Englisch. Im Rahmen dieses Studiums bekommt man unter anderem auch Unterricht für Orchester- und Chorleitung – und das hat so gut funktioniert, dass ich mich nach Abschluss dieses Studiums getraut habe, mich in Stuttgart an der Musikhochschule zu bewerben bei Thomas Ungar, der dort jahrzehntelang die Kapellmeisterklasse betreut hat. Ihn kannte ich schon aus meinen Zeiten als Geiger im Landesjugendorchester Nordrheinwestfalen, wo er damals Chefdirigent war. Und ich wusste, dass er nicht so viel Wert darauf legt, ob einer Klavier spielen kann. In Deutschland läuft die Karriere eines Dirigenten normalerweise nach wie vor so, dass man an ein Opernhaus geht, korrepetiert, irgendwann eine Vorstellung dirigiert und dann Kapellmeister wird. Das ist mir bei meinen Klavierkenntnissen einfach verwehrt geblieben.
Wie ging es weiter?
Es ist auch bei mir über die Wettbewerbsschiene gelaufen, auch wenn es damals den Mahler-Wettbewerb in Bamberg noch nicht gab. Ich habe 2000 und 2001 zwei Wettbewerbe gewonnen – in Lissabon und in Bad Homburg, der war damals der höchstdotierte in Deutschland war. Und dadurch habe ich Kontakt zum Kammerorchester Pforzheim bekommen.
Ab wann und warum haben Sie als junger Geiger ans Dirigieren gedacht?
Die Erinnerung trügt einen ja manchmal, aber ich habe es, glaube ich, unglaublich genossen, im Orchester zu spielen. Das war, als ob ich fliegen würde. Und als ich irgendwann gemerkt habe, dass es mit bestimmten Dirigenten mehr Spaß machte, die mehr aus uns rausholten, und dass es mit anderen Dirigenten überhaupt nicht funktionierte, ist bei mir der Wunsch entstanden, das selber in die Hand nehmen zu wollen. Das war im Landesjugendorchester, ich war vielleicht siebzehn oder achtzehn, bin als Geiger – was überhaupt nicht geht! – zu den anderen gegangen und habe gesagt habe, ihr müsst das so und so spielen. Das ist eine schlimme Jugendsünde, aber es zeigt, dass ich schon früh dirigieren wollte.
Was hat den Ausschlag gegeben?
Ein Schlüsselerlebnis war eine deutsch-skandinavische Musikwoche Mitte der 90er-Jahre in Schleswig-Holstein, wo ich im Orchester Geige spielte. Der Dirigent Per Borin, der mittlerweile Professor in Stuttgart ist, bot Leuten aus dem Orchester an zu dirigieren. Ich habe mich gemeldet, für den zweiten Satz aus der Suite von Manuel de Falla. Es hat so gut funktioniert, dass ich tagelang noch darauf angesprochen worden bin. Ich hatte auch gleich das Gefühl, dass ich einen Zugang zu den Musikern finden kann.
Was macht einen guten Dirigenten aus? Was muss er können?
Er muss eine musikalische Vorstellung haben. Er muss ein Körpergefühl haben, um das zu zeigen, was er meint. Und er muss so viel Psychologie und Verständnis von Menschenführung haben, um das gemeinsam mit dem Orchester zu erreichen.
Sie arbeiten schon lange intensiv mit Kammerorchestern. Worin besteht der Unterschied?
Das Repertoire ist natürlich ein anderes als bei einem großen Symphonieorchester wie hier. Man muss viel differenzierter arbeiten. Gerade wenn wir klassische Sachen machen wie Mozart-Divertimenti, kann man ganz genau und fein an Phrasierungen arbeiten. Ich mache das auch immer so, dass ich – wie jetzt hier in Bamberg – versuche, ein paar Sachen eben nicht festzulegen, sondern im Augenblick etwas entstehen zu lassen. Dass man mal die eine Fermate anders hält oder anders gestaltet oder ein Crescendo macht, das eigentlich nicht abgesprochen ist. Ich versuche damit, auf allen Seiten die Frische zu erhalten. Das macht mit den kleinen Orchestern viel Spaß. Man muss dort weniger organisieren, muss aber, gerade was das klassische Repertoire angeht, viel mehr Fantasie haben. Wenn man eine Haydn-Symphonie von vorne nach hinten durchspielt mit den dynamischen Angaben, die in den Noten stehen, dann schläft man ein. Bei einer Mahler-Symphonie hat man dagegen schon sehr viel, wenn man konsequent macht, was in den Noten steht. Und das ist vielleicht der Hauptunterschied.
Was kommt nach Bamberg? Was sind Ihre Pläne?
Im März folgen Konzerte in Pforzheim, im Mai mit der Rheinischen Philharmonie in Koblenz, im Juli mit den Stuttgarter Philharmonikern. Und im Sommer werde ich zum zweiten Mal das Bayerische Landesjugendorchester dirigieren. Ich arbeite überhaupt sehr gern mit Jugendorchestern zusammen, auch mit der Jungen Kammerphilharmonie aus Nordrhein-Westfalen.
Was ist da anders?
Es fehlt jede Routine – im Positiven wie im Negativen. Womit ich nicht sagen will, dass hier mit den Bamberger Symphonikern eine negative Routine herrscht, nein: Die sind schon sehr aktiv und offen. Aber das erlebt man doch bei anderen Orchestern schon, dass gesagt wird: "Das haben wir oft gespielt, das machen wir so, wie wir das immer gemacht haben." Die Jugendorchester haben die Stück noch nicht 20 oder 30 mal oder noch öfter gespielt, sie sind so etwas wie eine Knetmasse. Wenn man da reindrückt, sieht man den Abdruck sofort. Bei einem Profiorchester wird man erst wieder zurückfedern.
Monika Beer
Zu den Künstlern
Sebastian Tewinkel ist 1971 in Unna geboren, absolvierte zunächst in Hannover ein Studium für Schulmusik mit dem Hauptfach Violine, dann ein Aufbaustudium im Fach Dirigieren bei Thomas Ungar in Stuttgart. Als Stipendiat der Herbert-von-Karajan-Stiftung und Teilnehmer im Dirigentenforum des Deutschen Musikrats gewann er 2000 und 2001 die Wettbewerbe der Stiftung Fundação Oriente in Lissabon und den Bad Homburger Dirigentenpreis. Seit der Saison 2002/03 ist er Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim, seit der Saison 2009/10 leitet er auch die Kammerphilharmonie Graubünden. Als Gastdirigent stand er bereits am Pult zahlreicher renommierter Orchester.
Danjulo Ishizaka ist 1979 in Bonn geboren und erhielt mit vier Jahren seinen ersten Cello-Unterricht. Er studierte unter anderem bei Boris Pergamenschikow und Tabea Zimmermann und hatte früh Erfolg bei namhaften Wettbewerben, darunter der 1. Preis beim ARD-Wettbewerb 2001 und der Grand Prix Emanuel Feuermann der Konberg Academy 2002. Seine Debüt-CD mit Sonaten von Britten, Franck und Mendelssohn-Bartholdy wurde 2006 mit dem „Echo Klassik“-Preis ausgezeichnet (Sony BMG).
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