Rezensionen Bamberg und in der Region

25.01.2010 - Fränkischer Tag

Scherz, Spiel, Krieg, Jubel

Jonathan Nott und die Bamberger Symphoniker provozieren mit Richard Strauss und Gustav Mahler tausend Fragen.

 

Bamberg - Selten spürte ich so starke und so widerstreitende Gefühle in der Konzerthalle wie am Freitag – in der Musik, auf dem Podium, unter den Zuhörern. Es lohnte sich, einen längeren Essay darüber zu schreiben, was da alles hochgespült wurde. Ich könnte sogar nur eine lange Reihe Fragen hierher setzen, die sich im Lauf der zwei Stunden Konzert herandrängten.


Muss man schreiben, was ein aufgebrachter Mann von mir forderte, dass Richard Strauss mit seinem zweiten Hornkonzert "Schrott" komponiert habe? Und zwar deshalb, wie der Mann fauchte, weil Strauss es 1942 komponierte, "als vor Stalingrad die Soldaten krepierten"? Die Frage könnte man abtun und auf die vielen, rein musikalisch reizvollen Passagen hinweisen, die Christoph Eß keck, souverän, frei und klangverliebt interpretierte.


Stellte aber nicht auch Gustav Mahlers 5. Symphonie, wie sie Jonathan Nott und die Symphoniker erschreckend klar spielten, Fragen der unbequemsten Art? Spürte man im Trauermarsch zu Beginn nicht ein gut Teil Hinrichtungsmusik, den Gang zum Erschießungskommando? Herrscht nicht immer wieder Krieg zwischen den Stimmen, gerade im ersten Satz? Das schmerzensbunte Menschheitsdrama, das uns Mahler mitzuerleben zwingt, stellt, woran Nott keinen Zweifel ließ, Bequemlichkeit, Zurückhaltung, Gleichmut in Frage. Die radikalen Stimmungswechsel, die manchmal binnen Sekunden erfolgten, betonte er noch, soufflierte zuweilen den Streichern ein "noch weniger!", hieb mit Fäusten Sforzati-Signale in die Luft, sielte sich fast mit seinen musikalischen Mistreitern in Wohlklang, um dann wieder mitreißende Fugati-Jagden zu veranstalten.


Diese geradezu anstrengend reiche Musik besser zu verstehen, lehrte mich Hans Wollschläger. Er empfahl meiner Frau und mir ein Buch Hans Heinrich Eggebrechts. Ja, desselben Musikwissenschaftlers, von dem gerade alle großen Zeitungen berichteten, er sei bei Massenerschießungen von 14 000 Juden dabeigewesen. Soll ich das Buch jetzt verbrennen, das ausgezeichnet Mahlers Tonsprache erklärt?


Virtuose Schwerarbeit

 

Wieder erhob sich mitten aus dem intensivsten Konzerterlebnis eine bedrohliche und doch gleichzeitig anziehende Fragenphalanx. Wer sagt, dass Musik nicht weit über sich hinausweisen kann? Dass sie angenehm sein muss oder unterhaltsam, leicht zu konsumieren? Das scherzende Hornkonzert erschien im Nachhinein nicht nur als mal heiteres, mal feierliches Gegengewicht; schließlich lernte Strauss auch von Mahlers Klanggenie. Eine unverschämte Freiheit des Horn-Stückes präsentierte Eß vollkommen, indem er tänzelnd, tändelnd, tatkräftig Leichtigkeit vortäuschte, die seine virtuose Schwerstarbeit locker überspielte. Und seine höchst rührende Zugabe, die aus sprechender romantischer Wunder- und Waldhornistenkunst bestand, leitete ja ideal zu Mahlers tief romantischer Spätkunst über.


Wie schön zu sehen, dass sich einzelne Musiker offensichtlich mit ihrem so jungen wie fähigen Solistenkollegen freuten, dass sie sich aber auch bei Mahler plötzlich im Zauber der Musik anlächelten, sich wiegten, für Momente forttragen ließen, nicht nur im elysischen, melancholiegrundierten, wohlstrukturierten Adagietto! Das arg malträtierte Wort "Hingabe" drängte sich auf, weil die Symphoniker und Nott in höchster Spannung über gewohnte Qualität hinaus Mahlers Feuer fast gefährlich entfachten. Die Zerfahrenheit der Symphonie mit ihren tausend Kontrasten, die der Dirigent wunderbar wie Kleinstdramen inszenierte, forderte allen Musikern, aber auch den Zuhörern das Äußerste an Konzentration, Sensibilität und Kondition ab. Man wusste am Ende, als ein so in der Konzerthalle noch nicht gehörter allgemeiner Jubel losbrach, nicht genau, ob es die plötzliche Erkenntnis physischer oder psychischer Erschöpfung war, die sich in Stoßseufzern bei denen auf der Bühne oder in Bravorufen bei dem reich beschenkten Publikum umher entlud.

 

Rolf-Bernhard Essig

 

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