bamberger symphoniker

extraordinary city.
extraordinary orchestra.

Jakub Hrůša
© Andreas Herzau

»Musik ist die Sprache der Leidenschaft!« - Gedanken zum Saisonmotto 2017/2018 von Heidi Rogge

 

Der diesjährige Streifzug durch die Musikgeschichte beleuchtet verschiedene Aspekte von »Leidenschaft« und spart auch die dunkleren Seiten der Medaille nicht aus. Jean Paul formulierte es mit den Worten: »Die Leidenschaft macht die besten Beobachtungen und die elendesten Schlüsse.« Denn Leidenschaft kann durchaus auch etwas Zerstörerisches an sich haben – nicht nur positive Emotionen versprühen, sondern ebenso Ausdruck von Hass sein. Vielleicht hat die antike Philosophie der Stoa daher auch die Beherrschung der Leidenschaften, die Affektkontrolle, als ein wichtiges Lebensziel definiert. Zu den vier platonischen Kardinaltugenden zählt ebenfalls die Mäßigung, wohlgemerkt: hauptsächlich der Lust. Wie man an Leidenschaften zugrunde gehen kann, erlebten auch viele Opernhelden. Dass Leidenschaft ein regelrechtes Tor zur Hölle sein kann, erfährt beispielsweise »Don Giovanni« am eigenen Leibe. Doch mag der Held im Epos am Ende auch untergehen – er stand für seine Sache ein und brannte dafür.

Ludwig Tieck stellte in seinen Shakespeare-Studien fest: »Die Tragödie ist das Gebiet aller hohen Affekte, der Extreme der Leidenschaften.« Und so sollen die großen Liebesdramen nicht fehlen, etwa »Romeo und Julia«, das exemplarische Beispiel für eine Liebe, die einfach nicht sein darf. Dass sich der romantische Geist im Bereich des Liedes und der Oper rasch durchsetzen konnte, liegt auf der Hand: Die Verbindung von Wort und Musik bot einen idealen Nährboden, um die vielschichtige Gefühlswelt unmittelbar auszudrücken. Als Reaktion auf den Geist der Aufklärung suchten besonders die romantischen Künstler nach verloren gegangenen Welten. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwanden. Sagen und Mythen wurden Thema. Um Freud und Leid, Liebe und Tod als Einheit der Gegensätze in den Opern von Wagner etwa: Eine berauschende Nacht wird Tristan und Isolde zum Verhängnis, »Parsifal« dreht sich um eine unheilbare Verwundung von Körper und Seele. Auch die weiblichen Zentralfiguren von Richard Strauss werden von einer Leidenschaft zur nächsten katapultiert, die rachsüchtige Salome oder die Marschallin im »Rosenkavalier«.

Wobei sich hier das nächste leidenschaftliche Thema anschließt: Komponisten und ihre Frauen! Wenn es mit der Liebe klappt, brechen sich durchaus manche andere Leidenschaften Bahn, und zwar auf äußerst amüsante Weise etwa in Strauss’ »Sinfonia domestica«: Er fing das ganz natürliche Alltagsleben mit seiner temperamentvollen Frau und dem Sohn »Bubi« ein. Auch andere der großen Tonsetzer hatten starke Frauen an ihrer Seite – Mahler mit Alma oder Schumann mit Clara. Tschaikowsky ließ das mit dem Eheleben schnell wieder sein. Andere waren ewige Junggesellen, oft verliebt, häufig unglücklich wie Beethoven, über dessen »unsterbliche Geliebte« bis heute gerätselt wird. Brahms hat besonders die Begegnung mit Clara Schumann gefühlsmäßig in eine neue Umlaufbahn katapultiert. Und Bruckner litt sein Leben lang darunter, dass keine Frau etwas von ihm wissen wollte. Alle diese Gemütszustände und Beziehungsdramen haben Spuren in den Kompositionen hinterlassen. Wie fragte sich doch Franz Grillparzer: »Sind die Molltonarten nicht die Weiber der Musik?«

Der Ausdruck »Leidenschaft« wurde im 17. Jahrhundert für das lateinische Wort »passio« in die deutsche Sprache eingeführt. Der Trauer-Topos schwingt immer mit. Bachs »Johannespassion« etwa ist eine der dramatischsten Vertonungen der Leidensgeschichte Christi. Weitere Werke des diesjährigen Programms drehen sich um Trauer und Tod – Haydns »Trauersymphonie« oder Suks Symphonie »Asrael«, entstanden als eine ergreifende Hommage an Dvořák und dessen Tochter. In tiefer Trauer wird die Kreativität oft bis zum Keim erstickt, kann aber auch neue Kräfte wecken. Trotz aller Schwermut sind die daraus entstandenen Kompositionen oft die leidenschaftlichsten, sei es im Falle von Tschaikowskys »Pathétique«, Rachmaninows »Symphonischen Tänzen « oder in Tondichtungen wie Berlioz’s »Mort de Cléopâtre« oder Strauss’ »Tod und Verklärung«. Jeder der Komponisten hat seine Gefühle auf andere Weise in seine Werke infiltriert. Viele wurden von ihren Leidenschaften hin- und hergeworfen, von Selbstzweifeln zerfressen wie Robert Schumann, der aus Verzweiflung in den Rhein stürzte – und damit einer jener Prototypen des hypersensiblen, leidenschaftlichen, von Tragik überschatteten Romantik-Künstlers ist. Aber funktioniert Komponieren eigentlich überhaupt ohne große Gefühlswallungen? Braucht Kreativität nicht emotionale Impulse? In den oft »ziellos kreisenden Sätzen« der Bekenntniswerke von Mahler und Bruckner ereignen sich regelrechte Katastrophen.

Auch viele andere Themen wurden leidenschaftlich in den Werken der großen Komponisten eingefangen – frei nach dem Motto von Richard Strauss: »Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können.« Begeisterung für eine – manchmal gänzlich musikferne – Sache ist häufig Motor und Motivation zugleich. Dvořák frönte zum Beispiel in seiner Freizeit einer fast fanatischen Leidenschaft: Er besuchte regelmäßig die verschiedenen Prager Bahnhöfe und kannte alle Lokomotiven und deren Maschinenführer. Für Béla Bartók war unmitteldas obsessive Sammeln von Volksliedern Antrieb und unerschöpfliche Quelle seiner Musik. Die Natur war Inspirationsquelle, zu hören in Werken wie Chaussons »Poème de l’amour et de la mer« oder in den von fremden Ländern inspirierten Reise-Symphonien Mendelssohns. Das Reisen war eine große Leidenschaft vieler Komponisten – auch schon zu Zeiten, als dies noch sehr beschwerlich war. Und diese Reiserouten haben ihre Spuren hinterlassen. Doch wie schrieb Theodor Fontane: »Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.« Und genauso wie das Interesse an exotischen Einflüssen ist auch die Heimatverbundenheit immer wieder ein großes Thema, das besonders in den romantischen Werken mit Nationalkolorit zur vollen Blüte gelangte. In aller Herren Länder begaben sich Musiker auf die Suche nach ihren kulturellen Wurzeln.

Und nicht zuletzt stand für viele Komponisten ihr eigener Auftritt als Solist, die wirkungsvolle und maßgeschneiderte Virtuosität auf dem eigenen Instrument und die Lust am eigenen Musizieren Pate für unvergängliche Musikschöpfungen. »Er gab mit dem Pedal nicht bloß Grundtöne an, sondern er spielte eine förmliche Bass-Melodie mit seinen Füßen, die oft so beschaffen war, daß mancher mit fünf Fingern sie kaum herausgebracht haben würde« – so ein Ohrenzeugenbericht eines Zeitgenossen, der Bach live an der Orgel erlebt hatte. Besonders in der Romantik erblühte das große Virtuosentum, wie wir es heute noch kennen. Über Paganini etwa hieß es: »Welch ein Mann, welch eine Geige, welch ein Künstler!« Als umjubelter Superstar reiste er quer durch Europa. Nicht selten fielen kreischende Frauen in Ohnmacht. Die Zuschauer waren fasziniert von der technischen Meisterschaft und den spektakulären, oft bizarren Auftritten. Die einen nannten ihn »einen Zauberer«,andere »einen Dämon oder aber einen Engel«. Die Virtuosen, die bejubelten und doch einsamen Kämpfer auf der Bühne des Lebens, werden in mehreren Konzerten dieser Saison die Zuhörer mit ihrer Leidenschaft für die Musik in ihren Bann ziehen – darunter große Künstlerinnen und Künstler unserer Zeit wie Renaud Capuçon, Sol Gabetta, Vesselina Kasarova, Viktoria Mullova, Olga Peretyatko und Christian Gerhaher.

Leidenschaft, die man hören kann, ist auch Markenzeichen der Bamberger Symphoniker! Es ist dieser böhmische Klang, der das Orchester so einzigartig macht und einmal als »champagnerfarben« beschrieben wurde. Mit dem Tschechen Jakub Hrůša wurde dies noch verstärkt – eine magische Symbiose entstand, da der neue Chefdirigent das Orchester noch näher zu seinen historischen Wurzeln zurückführt. Von »Liebe auf den ersten Ton« sprach die Süddeutsche Zeitung. Denn Hrůša gibt den »Musikern alle Zeit der Welt«, »ihre gerühmten Qualitäten auszuspielen: das runde Blech, das warme Holz, den edlen Streicherklang.« So schwärmte BR-Klassik und sprach ebenfalls von »lodernder Dramatik«: »Wem da nicht das Herz aufgeht!« Und auch andere Kritiker loben diese Passion, die Musiker und Dirigent miteinander entwickeln: Es ist die Rede von »pathetischen Aufladungen«, von der »Lust am Ausloten der Gefühle«, von »fesselnder Präsenz und Dringlichkeit«, gar von einem »Opiumrausch in Tönen«. Diese sinnliche Reise geht nun in der neuen Saison weiter – unter der Devise von Wagners berühmter Aussage: »Musik ist die Sprache der Leidenschaft!«