bamberger symphoniker

extraordinary city.
extraordinary orchestra.

© Andreas Herzau

Bamberg Diary #1 - Europa. Meine Heimat

von Andreas Herzau und Holger Noltze

Wer künstlerisch tätig ist, erlebt jeden Tag, dass in der Musik, der Literatur oder der Malerei die Grenzen anders gezogen sind, als sie durch Geschichte und Staatsräson vorgegeben scheinen. In besonderem Maße erleben dies die Bamberger Symphoniker, die als berühmtes, international gefragtes Reise-Orchester in jeder Spielzeit Konzerte in anderen Ländern und Kontinenten geben. Sie wissen um die Kraft der Musik als einer universellen Sprache der Menschheit, die unabhängig von politischen Grenzen verstanden wird und den Zuhörenden eine Freiheit der Empfindung schenkt, die wie eine Vorahnung der persönlichen wirken kann.
Der Fotograf Andreas Herzau hat das Orchester auf seinen Auslandstourneen begleitet und sich eine paradoxe Aufgabe gestellt: Musik – die akustische Kunstform schlechthin – in Bildern optisch lebendig werden zu lassen. Dazu zeigt er, wie Musik entsteht und dargeboten wird, mit welcher Leidenschaft die Musizierenden und Zuhörenden bei der Sache sind, was hinter den Kulissen geschieht und sich in den Foyers und Zuschauerreihen abspielt. Und er fängt die Atmosphäre der fremden Städte ein, in denen das Orchester gastiert.
Da die Konzertreisen der letzten Spielzeit durch weite Teile Europas führten, ist der tapfer an sich selbst zweifelnde ‹Alte Kontinent› zugleich Thema einer Reihe von Essays, die auf unkonventionelle Art Fragen rund um das Faszinosum Musik und ihrer kulturellen Orte nachgehen. Dazu hat der renommierte Musikjournalist Holger Noltze ein Gespräch mit den beteiligten Protagonisten geführt: mit Jakub Hrůša, dem neuen Chefdirigenten des Orchesters, mit Rudolf Marcus Axt, dem Intendanten, und Andreas Herzau als ihrem Beobachter.
Außerdem hat er den großen Pianisten Alfred Brendel um ein Statement gebeten, wie er das Verhältnis seiner nationalen Herkunft zum Kosmopolitischen der Musik sieht. Die Kritikerin Eleonore Büning beleuchtet in einem Essay die überraschend große Bedeutung der sogenannten Provinz für das musikalischen Leben. Und Uwe Rada abstrahiert für einmal von den bestehenden politischen Grenzen, um europäische Geschichte von den Flüssen her zu denken, die in ihrem Lauf mehrere Länder durchqueren – und verbinden.
Das Hauptbeispiel bildet dabei die Elbe, die – geographisch gesehen – eigentlich nur ein schmaler Seitenarm der Moldau ist und nach dem Zusammenfluss ihren Namen für den weiteren Verlauf des Stroms zu Unrecht behauptet. So bildet denn auch Smetanas symphonische Dichtung «Má vlast», das geheime Zentrum des Buches. Jakub Hrůša hat das Stück mit dem Orchester in vielen großen Konzerthäusern Europas gespielt, und nie hat dabei der nationale Aspekt des Werks eine Rolle gespielt. Kein Wunder – denn sein Titel wurde und wird noch immer falsch übersetzt: Nach tschechischem Verständnis dürfte er nicht «Mein Vaterland», sondern müsste «Meine Heimat» lauten. Tatsächlich kann Musik eine Heimat sein – nicht aber Vaterland.

«Bamberg Diary» ist als Reihe konzipiert. #2 wird nach China führen.

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