bamberger symphoniker

extraordinary city.
extraordinary orchestra.

Christian Gerhaher
© Thomas Egli

Portraitkünstler Christian Gerhaher

In Straubing, wo Christian Gerhaher geboren wurde, gibt es ein musisches Gymnasium, aber er ging auf das andere, das humanistisch-neusprachliche. In München, wo Christian Gerhaher studiert hat, gibt es eine Musikhochschule, aber er studierte erst Philosophie und Medizin, bevor er zum Sänger wurde. Natürlich hat er nebenbei Unterricht genommen und Liederabende gegeben. »Ich weiß noch«, hat er mal erzählt, »wie ich manchmal vor der anatomischen Anstalt in München saß und Schubert-Lieder gelernt habe.« Dass er aber ausgerechnet in der Disziplin zum Weltstar wurde, die er jahrelang nur en passant betrieben hat, ist schon ein bisschen typisch für diesen Künstler.

Christian Gerhaher
© Florian Kalotay

Christian Gerhaher ist eine Mehrfachbegabung, ein Zweifler, man kann ihn, und das ist bei Sängern keine Selbstverständlichkeit, einen Intellektuellen nennen, der sich in handchirurgischen Fragestellungen oder literarischen Zusammenhängen genau so zuhause fühlt wie in der Musik. Erst nach einem Meisterkurs bei Dietrich-Fischer-Dieskau war es endgültig um ihn geschehen, danach gab es kein Zurück mehr von der Bühne.

Er hat es nie darauf angelegt, ja eigentlich möchte er heute noch keiner sein, ein Star; er hat sich immer dagegen gewehrt, lebt in einem Reihenhaus in München, verweigert sich jeder oberflächlichen Berichterstattung, leistet sich keine Skandale und hält den Mund, wenn er nicht gerade singt oder eine besonders knifflige Frage gestellt bekommt. Christan Gerhaher ist ein scheuer Mensch, ein von Selbstzweifeln geplagter Künstler. Genützt hat es nichts. Als Bariton ist er auf der Spitze seines Ruhmes angekommen. Alle wollen ihn engagieren, alle wollen ihn hören, in der Wigmore Hall in London, der Carnegie Hall in New York, bei den Salzburger Festspielen, an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt und jetzt – für eine Saison – als Portraitkünstler der Bamberger Symphoniker.

Wer diesem Mann einmal zugehört hat, wie er – fast immer begleitet vom Pianisten Gerold Huber – Schuberts Winterreise, Schumanns Szenen aus Goethes Faust oder Mahlers Kindertotenlieder interpretiert, ohne jedes Pathos oder sich mit seinen persönlichen Gefühlen in die Komposition einzumischen, kann viele andere Aufnahmen kaum noch ertragen, weil es ja stimmt, dass so ein Lied seine beglückende oder auch morbide Kraft erst entfalten kann, wenn der Sänger als neutrales Medium fungiert. Das gelingt ihm mit seiner berührenden Stimme, die sich jeglichen Mätzchen verweigert, wie keinem zweiten. »Glauben Sie mir«, hat er mal in einem Interview gesagt, »wenn ein Sänger davon abhängig wäre, dass er das, was er vorträgt, auch durchlebt, wäre er erstens eine Belästigung für sein Publikum und zweitens gefährdet«, und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: »Weil es auf die Idee ankommt, die in einer Musik aufscheint, nicht auf mein Verhältnis zu ihr.« Schon der Dirigent Otto Klemperer habe gesagt, Emotionalität sei erwünscht, Sentimentalität nicht.

Ein Gespräch mit Christian Gerhaher ist beglückend und inspirierend, aber nicht einfach. Man muss Geduld haben. Er denkt lange nach, nimmt zurück, modifiziert, er könnte es nicht ertragen, etwas zu sagen, was er eine Stunde später als nicht mehr hundertprozentig richtig empfände. Er ist beim Singen wie im Leben über die Maßen präzise und ernsthaft, kann sich stundenlang den Kopf über die richtige Betonung eines Buchstaben zerbrechen. Ein Wörtchen wie »vor« zum Beispiel: Spreche man das »r« zu offensiv, wirke es gestelzt und unnatürlich, benütze man einen Diphthong, dürfe es sich auf keinen Fall wie das bayerische »voa« anhören, nein, die Mitte müsse es sein, genau die Mitte, eine Gratwanderung, an der er tage- und wochenlang arbeiten kann.

Dazu kommt: Gerhaher ist ein abergläubischer Mensch, der sich an Rituale klammert. Gut möglich, dass er wenige Minuten vor einem Auftritt durch die Katakomben eines Konzerthauses läuft und ein Bügelbrett sucht, weil er seinen Frackhemden grundsätzlich selbst den letzten Schliff verpassen will. Es ist diese Genauigkeit, gepaart mit einem charismatisch-grüblerischen Wesen, das ihn zur Ausnahmeerscheinung macht. Er meint das, was er tut, zu hundert Prozent ernst. Manchmal kommt es einem vor, als ginge es ihm beim Singen um Leben und Tod. »Man muss versuchen, jedes Entertainment zu vermeiden«, hat er mal gesagt. »Kunst ist etwas Transzendentales und kein Spaß«. Das ist konservativ, aber ehrlich, faszinierend und sympathisch in einer Welt, in der alles von der Weltpolitik bis zur Religion als Unterhaltung daherkommt. Vor einem Auftritt schottet er sich komplett ab, spricht wenig bis gar nichts, geht in kein Museum, liest kein Buch.

In Bamberg war Gerhaher zuletzt vor fünf Jahren mit den Kindertotenliedern unter Robin Ticciati. In der Spielzeit 2017/18 wird er Alban Bergs Altenberg-Lieder und Auszüge aus Schuberts Oper Alfonso und Estrella präsentieren, außerdem wird er in der Titelrolle von Mozarts Don Giovanni und der Uraufführung der Orchesterfassung von Jörg Widmanns Liederzyklus Das heiße Herz zu hören sein – jeweils unter dem Chefdirigenten der Bamberger Symphoniker Jakub Hrůša. Von Simon Rattle über Gustavo Dudamel bis zu Mariss Jansons hat er mit den bedeutendsten Dirigenten gearbeitet, von den Wiener Philharmonikern bis zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit den besten Orchestern der Welt. 2016 wurde er von der Opernwelt erneut zum »Sänger des Jahres« gewählt. Auch viele andere große Musiker bekennen sich dazu, Gerhaher-Fans zu sein. Der Dirigent Daniel Harding sagte mal, er sei süchtig, ja verrückt nach dieser Stimme. Etwas poetischer hat es der Publizist und Musikwissenschaftler Jens Malte Fischer ausgedrückt, er nannte Gerhahers Gesang das Rätsel des »Fingerabdrucks der Seele auf den Stimmbändern«.