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Portraitkünstler Martin Fröst

Von Manuel Brug

Keine Namenswitze! Aber dieser gar nicht so kühle Blonde aus dem hohen Norden heizt seinen Hörern regelmäßig gehörig ein. Und das nicht erst seit gestern. Klarinettenväterchen Frost alias Martin Frost ist schon ziemlich lange im Blasgeschäft. Und er hat längst schon die Rohrblattpfade der Konvention verlassen. Dass er etwa, nach einer gefühlten Exklusivvertragsewigkeit bei dem kleinen, aber feinen skandinavischen Boutique-Label BIS beim Branchenriesen und Global Player Sony angeheuert hat und dort gleich mit seiner ersten Crossover-CD startete, war also kein Zufall. Und so ist er längst auch für eine weit größere Gemeinde als nur für die Kammermusikspezialisten interessant geworden. Was Martin Fröst in der kommenden Saison auch in seiner schwedischen Vielfalt als »Portraitkünstler« bei den Bamberger Symphonikern unter Beweis stellen will und wird.

Geboren wurde Martin Fröst 1970 im schwedischen Sundsvall. Mit sechs Jahren begann er, Geige zu spielen, fand zu dieser Zeit allerdings Fuß- und Basketball weitaus interessanter. Mit neun wechselte er zur Klarinette, die dann sein Instrument wurde – für dessen intensivere Bespielung er sogar mit 15 Jahren zum Studium nach Stockholm, dann auch noch nach Hannover zog. Heute gilt der schmale Schwede international als einer der besten Solisten auf seinem Instrument. Wovon seine weltweiten Auftritte, aber auch seine CDs mit Mozarts, Nielsens, Ahos und Webers Klarinettenkonzerten, Werken von Hindemith und Arnold sowie Kammermusik mit dem Pianisten Roland Pöntinen zeugen.

Als »Close UPs« hat Martin Fröst Musik für Klarinette und Schlagzeug zusammengespannt. Er hat ebenso selbstverständlich die Klangwelten von Schumann und Brahms ausgeschritten – und das längst nicht nur mit Originalwerken für sein Instrument. Auf der CD »Dances for a black Pipe« hat er Coplands Klarinettenkonzert mit Musik von Lutoslawski, Anders Hillborg und Piazzolla gekoppelt, auf »Fröst & Friends« gibt es in Zugaben und Transkriptionen vom »Ave Maria« bis zum »Hummelflug« Sopran und Cello im Beipack. Er hat Opernarien und die Benny Goodman gewidmeten Werke gespielt – und sogar »French Beauties & Swedish Beasts« als eklektische Klangfolge zum Tönen gebracht.

2006-09 war Martin Fröst Künstler der Reihe »Junge Wilde« am Konzerthaus Dortmund, 2014 wurde er mit dem Léonie-Sonning-Musikpreis ausgezeichnet. Regelmäßig konzertiert er mit Künstlern wie Sol Gabetta, Janine Jansen, Yuja Wang, Leif Ove Andsnes, Maxim Rysanov und Antoine Tamestit. Und längst schon reicht es ihm nicht mehr, nur für seine »exorbitante Virtuosität und Musikalität« (»New York Times«) gefeiert zu werden. Was schließlich 2013 in dem ersten, gemeinsam mit dem Konzerthaus Stockholm konzipierten, abendfüllend die Genregrenzen sprengenden Projekt »Dollshouse« manifest wurde. »Damals ging es mir besonders um Kommunikation – mit dem Publikum, aber auch mit meinen Musikern«, erzählt Frost. »Dem sich später mit ,Roots’ die für mich folgerichtige Fortsetzung anschloss – die Entstehung und Entwicklung von Tanz- und Folkloremusik, von Musik als heiliges Lobpreisritual sowie von Unterhaltungsmusik.«

Für Fröst sind diese nun schon seit ein paar Jahren in schöner schwedischen One-Man-Show-Tradition stehenden, eher experimentellen Auftritte wie ein reinigendes Repertoire-Gewitter: »Ich habe eigentlich so gut wie alles gespielt, was für die Klarinette recht und gut ist. Spätestens als ich das Klarinettenkonzert von Mozart, neben Webers Solowerken halt die ewige Visitenkarte, aber auch die Altersversicherung meiner Zunft, zum zweiten Mal aufgenommen habe, war mit klar, es muss auch noch etwas anderes kommen. Ich stellte mir immer vor, ich bin 85 Jahre alt und nicht sehr stolz, dass ich 1500 Auftritte mit Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert absolviert habe. Eine Horrorvision! Also hab ich mir Gedanken gemacht und mich nach zwanzig Jahren Karriere ein wenig auf die wilde side eingelassen.«

Was sind diese multikulturellen, mit Kostüm, Licht, Farbe, Akustik spielenden Abende für ihn? »Eine Art Gang nicht nur zu den Klarinetten-Müttern, sondern zu den Ursprüngen der Musik, als ziemlich multikulturelles Ein-Mann-Gesamtkunstwerk aus Musik, Talk und Tanz, Licht und Klangeffekten.« Und das scheint anzukommen. Denn in Stockholm tobte der jeweils ausverkaufte Saal. Zu erleben war nämlich ein spillerig blonder Klarinettensolist als intelligenter, nicht nur Charlie Chaplin nonchalant zitierender Entertainer, clever, klug, charmant und sehr, sehr gut wie auch gewitzt auf seinem Instrument.

Kühn schlug der aus der Dunkelheit auftauchende Martin Fröst, in kragenlos blauer Nehru-Jacke auf dem Podium herumtänzelnd, den Bogen von altgriechischen Hymnen, vermischt mit Hildegard von Bingen, hin zu Telemanns Barockgeschunkel und Klezmer. Das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, von ihm selbst zudem auch dirigiert, lieferte die große, aber niemals nur im Hintergrund schillernde Backgroundfolie, ein begeisternder Kinderchor und ein weiteres Klarinettentrio waren ebenfalls mit von der multiklanglichen Konzertpartie. In welche viel anmachende Folklore, Tango und andere Tänze verwoben waren, aber das Publikum auch begeistert diverse größere Happen von Witold Lutoslawski und Olivier Messiaen genossen hat.

Sein Ansatz? »Ich wollte ein wenig Genesis, veranstalten, etwas über die Herkunft von Musik erzählen, aber auch über überraschende Gemeinsamkeiten«, führt Fröst aus. »Deshalb lasse ich die Werke, anders als in einer klassischen Konzertsituation mit ihrer vorhersehbaren Abfolge, ineinanderfließen und kontrastieren. Man ist dann so oft erstaunt über die unterschiedliche Herkunft von Musik. Interessant finde ich auch die Übergänge zwischen dem Heiligen und dem Profanen: etwa Gregorianischer Gesang der Mönche, der parallel zur Musik und den Spottversen der Narren entwickelt wurde, die auf den Klostermauern thronten.«

Einer, der nicht stehen bleiben, sich stetig weiterentwickeln möchte. Im Mai 2017 wurde bekannt gegeben, dass Martin Fröst ab der Saison 2019/20 Chefdirigent des Swedish Chamber Orchestra sein wird. Weiterhin arbeitet er mit dem Saint Paul Chamber und den Royal Stockholm Philharmonic Orchestra an besonderen Projekten. In der Spielzeit 2017/18 war Martin Fröst als Artist in Residence im Auditiori in Barcelona beim Orquestra Simfónica de Barcelona I Nacional de Catalunya. Diese Position folgte seinem Erfahrungen in den letzten Jahren als Artist-in-Residence im Amsterdamer Concertgebouw, beim Göteborg Symphony und in der Londoner Wigmore Hall.

In Bamberg wird der »Portraitkünstler« Martin Fröst 2018/19 in insgesamt drei Programmen zu erleben sein. Und er geht gleich in die Vollen. Eines seiner bunten Crossover-Projekte mit szenischem Mehrwert wird bereits sein erster Abend an der Regnitz sein: Im November fungiert er als Gestalter eines komplettes Programmes als Solist wie Dirigent unter dem Titel »Retrotopia«, bei dem er neben Musik von Mozart, Beethoven, Borisova und Nordin auch eigene Texte vortragen wird. Im Dezember spielt er in einem Kammerkonzert mit dem Quatuor Ébène Brahms und Kletzmer-Musik. Mit Jakub Hrusa führt Martin Fröst schließlich im Januar das Copland-Klarinettenkonzert auf.