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extraordinary orchestra.

Patricia Kopatchinskaja

Portraitkünstler Patricia Kopatchinskaja

»Wir müssen die Töne befreien«

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist radikal, schillernd, unangepasst. Lange galt sie als Geheimtipp, nun ist sie ganz oben angekommen, gewinnt Preise, musiziert gemeinsam mit den Größten ihres Fachs. Zahlreiche neue Violinkonzerte sind ihr gewidmet, und die Repertoirestücke, die bürstet sie gehörig gegen den Strich. Wer ist diese Frau, die barfuß auf der Bühne steht, um geerdet zu sein, und die niemals auswendig spielt, sondern stets den Dialog mit den Noten sucht?

Drehen wir die Zeit ein bisschen zurück. Das Menuhin Festival im Schweizer Bergdorf Gstaad, an einem Sommernachmittag im Jahr 2008. Eine junge Geigerin tritt auf: Patricia Kopatchinskaja. Ihre Bühne ist ein wackeliges Podest zwischen Flohmarkt- und Bratwurstständen. Unbeirrt spielt sie Melodien aus der moldawischen Volksmusik. Dabei traktiert sie ihre Violine so, als ginge es um ihr Leben. Und das tut es auch, immer, wenn sie musiziert, und hier besonders. Denn hier spielt sie als Botschafterin für »Terre des Hommes«, sammelt Geld für Kinderhilfsprojekte in ihrer Heimat Moldawien.

»Moldawien ist wunderschön,« erzählt sie zwischen den Melodien; »mit starken, ländlichen Gerüchen, mit einem unendlich offenen Himmel, mit warmer Sonne und mit tief schwarzer Erde. Die Menschen sind lustig und herzlich, die Tänze schnell und ansteckend. Und wenn es etwas zu feiern gibt, dann biegen sich die Tische vor Speisen.«

So, wie Patricia Kopatchinskaja ihre Heimat beschreibt, so spielt sie auch: mit starken Gegensätzen, mit totaler Hingabe an den Moment, mit einer sehr direkten Tongebung, die Gerüche, Geschmack, Gefühle evozieren will – und nicht nur angenehme. Schmutz gehöre schließlich zum Leben, also auch zur Musik, sagt sie.

Vielleicht stammt diese kompromisslose Haltung aus ihrer Kindheit, in der sie häufig ihre musizierenden Eltern auf Konzertreisen begleitet. Sie sind professionelle moldawische Volksmusiker – doch diese Volksmusik hat nichts Anheimelndes, sondern wurzelt tief im Menschsein, ist ein Weg, Urängste, Katastrophen, Unfassbares fassbar zu machen, in Poesie zu verwandeln. Und all das schwingt mit in Patricia Kopatchinskajas Geigenspiel.

Diese existentiellen Gefühle – sie hat sie selbst durchlebt, damals, als die politische Wende in den Jahren um 1989 auch in ihrem Leben eine extreme Wende gebracht hat. Ihre Familie emigriert von Moldawien nach Wien. So kommt Patricia Kopatchinskaja als 13-jährige in ein fremdes Land, muss im Flüchtlingslager ihre Fingerabdrücke hinterlassen, hört fremdenfeindliche Äußerungen. Das prägt sie fürs Leben.

»Ich muss mir selbst helfen!« – das ist seither ihre Devise. Und das tut sie. Sie bewirbt sich an der Musikhochschule Wien für ein Studium der Violine – und der Komposition. Denn: »Ich konnte die Sprache nicht und hatte doch so viele Emotionen, die raus mussten,« sagt sie. »Ganze Berge habe ich damals komponiert, ich war wie ein Wasserfall.«

Emotionen in Musik zu fassen: das ist das, was Patricia Kopatchinskajas großes Können auszeichnet – in ihren Kompositionen wie in ihrem Geigenspiel. Und die Bandbreite dieser Emotionen ist immens. Sie lässt damit nicht nur die großen Werke des violinistischen Standard-Repertoires ganz neu entstehen, wie im Moment der Geburt eines Gedankens. Sondern sie spielt auch die Musik der heutigen Zeit mit beispielloser Selbstverständlichkeit, Hingabe und Virtuosität.

Ein Stipendium bringt sie schließlich nach Bern, wo sie eine Familie gründet – und von wo aus sie Schritt für Schritt, Ton für Ton, die internationalen Konzertbühnen erobert – und die Musikwelt verändert. Nachhaltig.

»Ich kenne dich – ich habe dich spielen gehört...« – so lautet ein Sprichwort in ihrer Heimat. Auf Patricia Kopatchinskaja trifft es zu – so ehrlich und direkt, so charmant und phantasievoll wie sie spielt, so ist sie auch als Mensch. Und es trifft doch wieder nicht zu – denn in jedem einzelnen Konzert übertrifft sie das bisher Gekannte, wagt etwas Neues, geht bis an die Grenzen, und darüber hinaus. Haut etwa minutenlang mit dem Hammer auf einen Sarg in ihrem szenischen Konzertprojekt »Dies irae«, in dem sie das menschengemachte Ende unserer Erde musikalisch beweint. Oder musiziert in Arnold Schönberg »Pierrot Lunaire« ausschließlich mit ihrer Stimme, statt mit der Geige. Oder geht im gruseligen Skelett-Kostüm aufs Podium – um Schuberts »Tod und das Mädchen« auch mit visuellen Elementen zu bereichern.

Überhaupt, die Kammermusik, die hat es ihr besonders angetan. »Weil jeder ein Individuum bleiben, jeder seine Gedanken fortspinnen kann«, sagt sie. So sei direkte Kommunikation möglich. Anders beim Orchester. Da steht oft der Dirigent im Zentrum, und Patricia Kopatchinskaja sagt klar: »Ein Dirigent stört den Dialog zwischen den Musikern. Es braucht erst einen Dirigenten, wenn das Werk so gross besetzt ist, dass Ensemblespiel nicht mehr möglich ist.« Deshalb ist sie seit der Saison 2018/19 in ihrer Wahlheimat Bern in der Schweiz künstlerische Leiterin der Camerata Bern – ein Kammerorchester, klein genug, um von ihr als »prima inter pares« geleitet zu werden, und groß genug für alle nur erdenklichen musikalischen Experimente. Dabei ist sie nie mit dem Dirigierstab zugange, sondern stets mit der Geige vorn dabei – und manchmal auch ganz hinten.

Mit ihr dabei sind auch stets die Noten – selbst wenn sie die Musik längst auswendig kann. »Wenn ich auswendig spielen würde, hätte ich schon eine feste Idee im Kopf«, sagt sie. »Dann würde ich nicht mit den Noten kommunizieren können. Vielleicht bin ich ein bisschen wie jemand, der in dieses Noten-Gefängnis hineingeht, und dort mit den Gefangenen spricht und ihre Geschichten erzählt.«

Doch die Noten sind für sie auch eine Anregung, flexibel auf sie zu reagieren, die Musik weiter zu denken. »Wir dürfen uns nicht sklavisch an die Partitur halten, nicht einfach die Töne herauslesen. Töne sind Konvention, eine notgedrungene Festlegung«, sagt sie. Und fordert ihre Kolleginnen und Kollegen heraus: »Wir Interpreten müssen aus der Partitur diesen Gedanken herauslesen. Wir müssen wie die Hellseher in dieses Schicksal hineinsehen: Da ist eine Seele, die festgenagelt ist wie ein Vogel, der nicht fliegen kann. Und wir müssen ihn zum Fliegen bringen. Wir müssen die Töne befreien.«

Patricia Kopatchinskaja befreit die Töne – und uns, das Publikum. Von unseren festgefahrenen Hörgewohnheiten, von unseren Vorstellungen, wie etwas zu spielen sei. Und sie zeigt uns mit jedem Konzert, dass Musik noch viel extremer, schmerzhafter, schillernder und witziger klingen kann, als wir es je für möglich gehalten hätten.

Jenny Berg