bamberger symphoniker

extraordinary city.
extraordinary orchestra.

Lisa Batiashvili
© Anja Frers DG

Saison der Meistergeigen

Yehudi Menuhin, Besitzer von zwei Stradivaris, einer Guarneri del Gesù, einer Guadagnini, einer Grancino und von weiteren alten und modernen Geigen, umschrieb einmal, was ein solches Instrument für ihn bedeutete: »Eine herrliche Geige ist ein lebendiges Wesen; ihr Holz speichert die Geschichte, die Seele ihrer verschiedenen Besitzer. Ich selbst spiele niemals, ohne zu fühlen, dass ich diese Geister befreit oder absorbiert oder – auch das – verletzt haben könnte.«

Ein Schelm wäre gewesen, wer da an den großen Künstler und Menschenfreund die Frage gerichtet hätte, wie die berühmte Lord-Nelson-Stradivari von 1690 wohl zu ihm gesprochen haben würde, hätte er sie jemals gespielt. Das Instrument erhielt seinen Namen, weil es sich auf Lord Nelsons Flaggschiff bei der Schlacht um Trafalgar 1805 befand. Sie gehörte einem Offizier und überstand die Schlacht – anders als der britische Admiral – ohne Schaden.

Menuhin war bereit, sich von der Aura alter Instrumente inspirieren zu lassen. Aber er wusste natürlich, dass nicht alles, was das Publikum zu hören meint, mit der Genialität eines Antonio Stradivari erklärt werden kann, eher mit dem Wunsch, in jedem irdischen Konzert die Engel singen zu hören. Wer weiß, dass die Earl-Stradivari von 1722, benannt nach dem früheren Besitzer Earl of Westmoreland, einige Jahre vom Teufelsgeiger Paganini gespielt wurde, der ist leicht in Versuchung, dem Instrument buchstäblich ungeheuren Klang und Ausdruck zuzugestehen, auch wenn sie nur vom ehrenwerten Konzertmeister Gerhard Kander in Toronto gespielt wird. Welche Geige hat Menuhin bevorzugt? Die Antwort fiel ihm selbst nicht leicht: »Mein ganzes Leben kann ich beschreiben als eine Art dialektischen Abwägens zwischen Stradivari und Guarneri del Gesù.«

Der geniale Stradivari war, auch wegen seiner unglaublichen Produktivität in einem für seine Zeit biblisch langen Leben, der bedeutendste Geigenbauer der Musikgeschichte. Giuseppe Antonio Guarneri del Gesù war dagegen ein genialer Schlamper, der schon im Alter von 47 Jahren gestorben ist. Guarneris Instrumente sind weniger ausgewogen und nicht so sorgfältig gearbeitet. Dennoch ist der Klang einiger seiner Geigen selbst den Instrumenten aus Stradivaris goldener Periode (1700-1720) überlegen. Eugène Ysaÿe, Fritz Kreisler und Jascha Heifetz haben Guarneris den Vorzug gegeben. Menuhin bezeichnete den Klang seiner Lord-Wilton-Guarneri von 1742 als erdig und leidenschaftlich im Vergleich mit dem aristokratischen Ton seiner beiden Stradivaris: »Zu einer ›Strad‹ muss man sich emporarbeiten, ehe sie ihre kunstvolle Seele sprechen lässt. Sie ist der Meister, den nichts zufrieden stellt als fehlerloses Können. Die Guarneri ist ein Kamerad, der die Fehler seines Spielers gnädig vergibt. Sie versteht es, gleichsam durch ihre Poren zu singen, de profundis und mit irdischer Stimme.« Stradivari, Guarneri oder vielleicht doch eine Guadagnini?

Bambergs Konzertgänger haben in dieser Saison die seltene Gelegenheit, sich selbst eine Meinung bilden zu können über die unterschiedlichen Eigenschaften dieser Meistergeigen, natürlich nur, wenn sie die innewohnende Klangqualität des Instruments von den Fähigkeiten ihres jeweiligen Spielers zu trennen vermögen. Aber das ist ein Luxusproblem. Wer hat schon die Möglichkeit in einer »Saison der Meistergeigen«, die auch eine »Saison der Meistergeigerinnen und Meistergeiger« ist, nicht weniger als acht verschiedene Instrumente aus den Werkstätten von Stradivari, Guarneri und Guadagnini zu hören?

Im Falle von Lisa Batiashvili und Ray Chen aus Taiwan wäre es natürlich ein Glücksfall gewesen, hätte man beide auf demselben Instrument hören können. Denn die famose Lisa Batiashvili spielte früher auf der ex-Joachim-Stradivari von 1714, die jetzt Ray Chen zur Verfügung steht. Sie selbst ist nunmehr im Besitz einer Guarneri del Gesù von 1739. Auch die Koreanerin Ye-Eun Choi, wie Lisa Batiashvili Schülerin der genialen Lehrerin Ana Chumachenco in München, spielt auf einer Guarneri del Gesù, wie im übrigen auch einer unserer ersten Konzertmeister, Bart Vandenbogaerde. Zu den glücklichen Stradivari-Besitzern gehört noch die Japanerin Akiko Suwanai mit der Dolphin- Stradivari von 1714. Julian Rachlin spielt auf der ex-Schneiderhahn-Stradivari von 1704, und Frank Peter Zimmermann verfügt heute über die berühmte Général-Dupont-Stradivari, auf der Arthur Grumiaux konzertierte.

Glückliche Besitzer ihrer wertvollen Instrumente sind diese Künstler alle, noch glücklicher wären sie allerdings als ihre Eigentümer, was seltener der Fall ist. Denn mittlerweile sind solche Geigen so teuer, dass nur wenige sie käuflich erwerben können. Sie befinden sich häufig im Eigentum von Konsortien, Stiftungen oder auch Mäzenen, die sie Künstlern, auch begabten Nachwuchskünstlern am Beginn ihrer Solo-Karriere, als Leihgabe für begrenzte Zeit zur Verfügung stellen. Den Rekordpreis bei einer Versteigerung erzielte im Jahr 2011 die Lady-Blunt-Stradivari: 15.821.285 Dollar. Im übrigen liest sich die Geschichte vieler wertvoller Geigen nahezu wie einen Sammlung aberwitziger Kriminalgeschichten. Nicht wenige Instrumente wurden gestohlen und tauchten nie wieder auf. Ein Kuriosum verbindet sich auch mit der Kiesewetter-Stradivari von 1723, die Maxim Vengerov spielte und die danach an den russisch-amerikanischen Geiger Philippe Quint ausgeliehen wurde, der sie am 21. April 2008 in einem Taxi vergaß. Der ehrliche Fahrer brachte das Instrument am nächsten Tag zurück. Aus Dankbarkeit gab Quint ein Exklusivkonzert: für alle Taxifahrer am Flughafen von Newark.