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extraordinary orchestra.

Sol Gabetta
© Uwe Arens

Portraitkünstler Sol Gabetta

In radikaler Balance

Sie kennt keine Grenzen. Dafür steht schon allein die Breite ihres Repertoires. Ob Barock und Frühklassik oder Romantik, Moderne und zeitgenössische Musik: In nahezu jedem Stil fühlt sich Sol Gabetta zu Hause, wie ihre umfangreiche Diskographie bezeugt. Dabei gelingt es der Cellistin, nie in die Routine-Falle zu tappen. »Ich glaube, das liegt daran, dass ich mir jedes Stück immer wieder neu erarbeite – auch wenn ich es gut kenne«, betont sie. »Dadurch bleibt die Begegnung mit der Musik lebendig.« Genau das attestiert ihr auch regelmäßig die internationale Kritik.

Da wird ihre »brillante Technik« gelobt. Ihr Spiel sei »hingebungsvoll«, »leichtfüßig und leidenschaftlich«, »flinkfingrig virtuos« – mit »viel Wärme und romantisierendem Duktus«. Gleichzeitig wird die Fähigkeit von Sol Gabetta betont, den »warmen Ton ihres Cellos zum Singen« zu bringen – ein »samtiger, seidenweicher Ton«, der einen »innigen, strömenden Cellogesang« erwachsen lasse. Diese spezifische Klanglichkeit hat den baltischen Komponisten Pēteris Vasks 2012 dazu veranlasst, für sie das Cellokonzert »presence« zu schreiben und ihr zu widmen. Tatsächlich ist es nicht zuletzt der besondere Einsatz des Vibratos, der den spezifischen »Eigenklang« Sol Gabettas ganz wesentlich definiert.

»Welche Epoche ich auch spiele: Für mich ist das Vibrato wie Sahne. Eigentlich ist das sogar etwas Schlechtes, denn je mehr man es einsetzt, desto dicker wird die Musik«, erklärt sie selbst auf Nachfrage. »Das Vibrato sollte nur eine Farbe sein – ein Hauch, eine Brise. Es darf auf keinen Fall die Sprache definieren.« Zugleich lehnt sie ein strikt vibratoloses Spiel, wie es Dirigenten wie Roger Norrington pflegen, für sich ab – gerade auch wenn sie sich im Repertoire von Barock bis zur Klassik bewegt. »Norrington ist eine interessante Persönlichkeit. Aber wer die historischen Quellen kennt, weiß, dass auch Mozart nicht das ›Non vibrato‹ propagiert hat. Norrington, Nikolaus Harnoncourt und andere Pioniere hatten jeweils eigene Visionen von einer Klarheit und Reinheit des Klangs, die sie wiederfinden wollten. Insofern ist das eine endlose Diskussion.« Überdies sei es auch eine Frage der Konvention, so Sol Gabetta weiter. »Als Norrington das ›Non vibrato‹ entwickelte, hatten die Musiker nur geringe Kenntnisse von der historischen Aufführungspraxis. Er wollte vom Dauervibrato befreien, wie es mitunter noch heute Standard ist. Manchmal muss man radikal sein, um etwas zu bewegen. Für seine Zeit war er äußerst radikal. Heute aber gilt es, eine Balance zu finden.« Genau für diese Balance steht Sol Gabetta, eine radikale Balance. Sie versteht sich durch und durch als eine »moderne Cellistin«, und dieses Profil hat sie sich frühzeitig und hart erarbeitet.

Ein Rückblick auf das Jahr 1981: Als Tochter französisch-russischer Eltern wird Sol Gabetta in Argentinien geboren, in Villa María in der zentralargentinischen Provinz Córdoba. Ihre Mutter ist Pianistin, und so ist die Musik in ihrem Elternhaus allgegenwärtig. Im Kindergarten singt sie viel – allerdings nicht so sehr Kinderlieder, sondern mehr Melodien aus Konzerten von Antonio Vivaldi. Zuerst möchte sie wie ihre Mutter ans Klavier, beginnt dann mit sechs Jahren Klarinettenspiel, tanzt im Ballett und spielt Theater. Am Ende bleibt das Cello, mit dem sie bereits im Kindergarten-Alter beginnt.

»Meine Mutter hat mir große Freiheiten gelassen, und außerdem wollte ich unbedingt Cello spielen. Ich bin jeden Morgen um 5 Uhr aufgestanden, um mehr Zeit zum Üben zu haben.« Dabei wirkt ihr Spiel nie angestrengt, aber: »Damit es leicht und selbstverständlich wirkt, muss es für mich noch mehr als leicht und selbstverständlich sein, und das erreicht man nur über regelmäßiges Training – genau wie bei Sportlern.« Zu ihren beiden Instrumenten – einem Cello aus dem Hause Guadagnini sowie einem Goffriller-Cello – pflegt sie denn auch besonders enge Beziehungen.

»Herr Gabetta« werden sie von ihr genannt, und das meint Sol Gabetta gleichermaßen liebe- wie auch respektvoll. »Wir lernen viel voneinander, aber dafür muss man immer wachsam bleiben.« Von 1992 bis 1994 studiert sie an der »Escuela Superior de Música Reina Sofía« in Madrid, dank eines Stipendiums. Bevor sie ihr Studium bei David Geringas an der Musikhochschule »Hanns Eisler« in Berlin abschließt, studiert sie bei Ivan Monighetti an der Musik-Akademie in Basel. Einen »zweiten Vater« nennt sie Monighetti. »Er passte weiterhin auf mich auf«, verrät Sol Gabetta. »Oft musste er mich bremsen, etwa wenn es darum ging, dass ich an zu vielen Wettbewerben teilnehmen wollte.«

Manchmal sei es für sie hart gewesen zu lernen, dass man sich für manches besser viel Zeit nehmen muss. »Monighetti hat mir jedenfalls beigebracht, geduldiger zu sein.« Seit Oktober 2005 unterrichtet Sol Gabetta selbst in Basel – als Assistentin von Monighetti. Ein Jahr zuvor markiert die Auszeichnung mit dem »Credit Suisse Young Artist Award« am Lucerne Festival ihren internationalen Durchbruch – samt Konzert mit den Wiener Philharmonikern unter Valery Gergiev. In ihrer Wahlheimat Olsberg, einem kleinen Dorf in der Nähe von Basel, initiierte Sol Gabetta überdies ihr eigenes Kammermusik-Festival: »SOLsberg«. Gemeinsam mit ihrem Bruder Andrés Gabetta gründete sie schließlich zudem das Barockorchester »Cappella Gabetta«.
»Schon mit fünf Jahren habe ich mit Andrés musiziert«, weiß Sol Gabetta zu berichten. Ob das zu geschwisterlichen Reibereien geführt hat? »Probleme gab es eher ganz früher, am Anfang – weil der Bruder älter und damit weiter war als ich. Die kleine Sol konnte nicht so gut spielen wie er, wollte es aber. Deshalb hat die kleine Sol auch ein größeres, stärkeres Instrument als die Geige des großen Bruders gewählt – nämlich das Cello.« Die »Cappella Gabetta« interpretiert in erster Linie die Musik aus dem Barock und der Frühklassik. Sie setzt sich überdies vornehmlich aus Musikern zusammen, die den Originalklang pflegen.
Mit diesem Ensemble taucht Sol Gabetta tiefer in die historische Aufführungspraxis ein. »Ich wollte nicht einfach ein neues Ensemble auf den Markt werfen, sondern es ging mir um meine eigene Entwicklung«, bestätigt Sol Gabetta. »Ich wollte davon profitieren, mit Musikern zu spielen, die mehr Erfahrung in der Welt des Originalklangs und des Barocks haben als ich. Trotzdem bin ich noch immer hauptsächlich eine moderne Cellistin, auch wenn sich mein Profil durch diese Arbeit mit der Zeit verändert hat – durch die Barockmusik sowie das Spiel von historischen Instrumenten und auf Darmsaiten. Es war ein großes Glück, ein solches Top-Ensemble mit meinem Bruder begründen zu können.«

Eine zweite tragende Säule im Originalklang wird die Zusammenarbeit mit Giovanni Antonini und dessen Ensemble »Il giardino armonico«. Auch wenn Sol Gabetta einer jüngeren Musiker-Generation angehört, für die der Originalklang längst nichts Exotisches mehr ist, betrachtet sie die Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis nicht als Selbstverständlichkeit. Denn: »Auf diesem Gebiet muss man sich alles intensiv erarbeiten, oftmals auch kämpfend«, gesteht Sol Gabetta.

»Ich mag keine Dogmen, brauche aber ein intensives Studium, um eine für mich neue musikalische Sprache verstehen zu können. Ja, ich glaube, dass wir heute weit vorangekommen sind, weil viele meiner Kollegen oft beide Instrumente beherrschen – das moderne und das Barockcello. Das öffnet den Geist und den Klang. Wir stecken aber noch immer in der Romantisierung, das ist das Hauptproblem. Auch in meiner Generation wurde dies noch nicht genug hinterfragt.« Genau das bedeutet auch ein beharrliches, selbstkritisches Hinterfragen des eigenen Tuns. »Die Arbeit an sich selbst ist extrem wichtig, aber ohne sich kaputtzumachen.« Auch hier schwingt die radikale Balance mit, die Sol Gabetta ausmacht – und auszeichnet.

Marco Frei