
Ein lebenslanger Aufbruch Jakub Hrůša über den schockierenden Bogen von Beethovens Symphonien
Alle Beethoven Symphonien zum Beethoven-Jahr zu dirigieren: Ist das Pflicht oder Privileg?
Gewiss und eindeutig ein Privileg!
Beethoven steht ja ohnehin pausenlos auf den Spielplänen: Was ist das Besondere an einem Zyklus aller Symphonien?
Wir können aktiv – als Musiker:innen ebenso wie als Publikum – wahrnehmen, wie bemerkenswert sich der Komponist entwickelt hat. Schon die erste Symphonie war für ihre Zeit ein kühnes und einzigartiges State-
ment; vor allem aber tritt in einem solchen Zyklus hervor, dass er sich niemals auch nur im Geringsten wiederholte und in jeder einzelnen Symphonie stets etwas Originelles schuf – insbesondere dann, wenn wir die Symphonien chronologisch aufführen.
Profitiert man auch als Zuhörer:in davon, einen solchen ganzen Zyklus zu hören? Inwiefern?
Wie ich gesagt habe: Der Bogen seines lebenslangen Schaffens ist schockierend. Und auch innerhalb jedes einzelnen Programms tritt der enorme Fortschritt zutage, zu dem Beethoven fähig war: Etwa die Erste,
die Zweite und die Dritte »Eroica« in einem Zug zu hören, wird schlicht überwältigend sein.
Was begeistert Sie an Beethovens Symphonien?
Unbegrenztheit des Talents, Schärfe des Intellekts, eine vitale, bisweilen geradezu animalische, Lebensenergie, der unerbittliche Kampf um Sinnhaftigkeit und Bedeutung jeder einzelnen Note und jedes Taktes, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Unmittelbarkeit. Persönlich liebe ich aber auch, dass Beethoven buchstäblich jeden Aspekt des Lebens umarmte. Mitunter sind wir dem Vorurteil verhaftet, Beethoven sei vor allem ein schicksalhafter musikalischer Raufbold gewesen (ta-ta-ta-taaa seiner Fünften Symphonie). Keineswegs! Beethoven war zugleich einer der größten Lyriker des symphonischen Schaffens und ein zarter Maler der edelsten und innerlichsten Regungen des Gefühls. Gerade diese Kontraste können hier deutlich hervortreten!
Haben Sie eine Lieblingssymphonie von Beethoven? Welche und warum?
Nein. Neun schöne Kinder eines großartigen musikalischen Vaters! Aber ich gestehe, dass ich mich verpflichtet fühle, immer wieder gerade auf jene hinzuweisen, die nicht zu den bekanntesten gehören: die Erste, die Zweite, die Vierte und die Achte!
Sie haben sicher alle Beethoven Symphonien schon vielfach dirigiert: Wird das Dirigieren da nicht auch zur Routine? Wie schaffen Sie es, sich einen frischen Blick zu bewahren?
Niemals und unter keinen Umständen! Beethoven ist ohnehin so anspruchsvoll, dass man schlicht und einfach niemals zufrieden sein kann. Und so bemühe ich mich bei jeder weiteren Gelegenheit darum, dass es wieder
zumindest ein wenig besser wird, oder anders gesagt: natürlicher!
Gibt es eine Qualität oder Eigenschaft in Beethovens Musik, die Ihrer Meinung nach zu selten wahrgenommen und gewürdigt wird?
Zartheit.
Was ist für Sie die wichtigste Botschaft, die Beethoven uns heute noch mitgibt?
Zu seiner Überzeugung stehen, wenn man innerlich davon getragen ist.
Bitte ein kurzer Satz zu jeder Beethoven Symphonie:
Eher als einzelne Worte wähle ich folgende Begriffe:
1. Bewältigen und überwinden.
2. Expandieren und mitreißen.
3. Anrufen und feiern.
4. Erfrischen und spielen.
5. Kämpfen und siegen.
6. Beobachten und dahinschmelzen.
7. Tanzen und jubeln.
8. Zurückblicken und verfeinern.
9. Niederreißen und neu aufbauen. Tiefst verbinden.
Die Fragen stellte Dr. Juliane Weigel-Krämer für die Saisonmagazine der Westdeutschen Konzertdirektion
Köln und der Heinersdorff Konzerte Düsseldorf. Erstveröffentlichung im März 2026