bamberger symphoniker

extraordinary city.
extraordinary orchestra.

© Marian Lenhard

Slam Symphony

Bamberg, ein Abend im Dezember 2016. Das Konzert, von dem es heißt, dass es anders sein würde als alle anderen, beginnt genau wie alle anderen. Das Publikum sitzt im Saal. Auf dem Podium nehmen die Musiker Platz. Der Dirigent kommt herein, verbeugt sich und – das ist der Moment, in dem der Abend sachte eine neue Richtung einschlägt – setzt sich ebenfalls. Das ist neu. Denn, Konzertgesetz: Der Dirigent sitzt nicht. Der Dirigent hat zu stehen, und zwar im Mittelpunkt des Abends, als Allegorie der Musik, die er dirigiert. Und wenn er doch sitzen sollte, dann nicht so wie Nikolaj Znaider in diesem Moment – zurückgelehnt, gespannt abwartend, was gleich passiert, und dadurch klar machend, worum sich dieser Abend jedenfalls nicht drehen wird. Jedenfalls nicht so wie sonst.

»Slam Symphony« heißt das Konzertformat, das die Bamberger Symphoniker hier ausprobieren. Es bedeutet, dass nach dem Dirigenten noch einige weitere Mitwirkende das Podium betreten: drei Solisten, keine Musiker, sondern Autoren. »Slam Symphony« funktioniert so: Die Symphoniker spielen ein Werk aus dem klassischen Repertoire, immer Programmmusik, also ein Stück mit auskomponierter, nacherzählbarer Handlung, in diesem Fall: Auszüge aus dem Ballett »Romeo und Julia« von Sergej Prokofjew. Die Autoren bekommen vorab je ein Thema des Werks, bereiten dazu einen Text vor – und wetteifern darum, den besten geschrieben zu haben, in einem »Poetry Slam«, der in den Konzertablauf implementiert ist: Das Orchester spielt die betreffende Stelle aus dem Werk, der Autor liest, danach, Poetry-Slam-Gesetz, entscheidet das Publikum mit der Lautstärke des Applauses, wer gewonnen hat. Übersetzt in klassische Konzertvokabeln wäre das: ein Konzert für großes Orchester und drei Schriftsteller ad libitum. Aber es gibt nichts, was an diesem Abend so egal ist wie Konzertvokabeln.

Und dann spielt das Orchester das Werk einmal komplett durch, und etwas Merkwürdiges, Verräterisches passiert: Im Kopf klingen dabei die Worte nach.

Der Abend bekommt einen eigenen Beat, und zwar: über die Sprache. Und damit warden schnell die wahren Ausmaße dessen deutlich, was sich da ereignet: Immer noch macht die Musik den weitaus größten Teil des Abends aus. Aber, tatsächlich: nicht mehr den entscheidenden.

Jetzt geht es um das, was hinter der Musik steckt.

Denn das Konzert erzählt nicht nur deshalb eine große Liebesgeschichte, weil es sich um Romeo und Julia dreht. Es handelt auch von einer anderen, ähnlich unschuldigen, aber auch gar nicht so unkomplizierten Liebe: zur Musik. Die kommt, eingerahmt von Worten, klarer zur Geltung als sonst. Und gleichzeitig fordern die Texte ganz ungeschützt auch die Musik heraus. Es wird ein Kampf der Künste, natürlich: nur ein Schaukampf, der wahre Sieger ist längst ausgemacht, niemand hat die Absicht, Prokofjew vom Sockel zu stoßen.

Aber ein bisschen rütteln darf man schon. Und er bewegt sich auch. Allerdings gar nicht in den geregelten, streng kontrollierten Bahnen wie sonst. Sondern unkontrollierbar. Wenn es stimmt, dass Musik keine Vergangenheit und keine Zukunft kennt, sondern immer die Gegenwart mit der Ewigkeit verbindet – dann liegt der Fokus an diesem Abend im Hier und Jetzt. Das heißt aber nicht, dass der Abend nicht über sich selbst hinauskäme, ganz im Gegenteil, er sagt vielleicht sogar mehr über andere Abende als über sich selbst.

Die Verlockung ist groß, Musik im Konzert zu besuchen wie ein Bild im Museum. Man weiß schon, wo es hängt, man weiß so ungefähr, wie die Farben verteilt sind, und man kann spüren, dass hinter, über, zwischen den Farben noch mehr ist, ein Zauber, den man nur Zauber nennt, weil die Metapher so schön nahe bei der Hand liegt für dieses Unbestimmbare, nicht so leicht Erklärliche des Kunstwerks, das größer ist als man selbst.

Dieser Abend hilft dabei, neue Metaphern zu finden. Er zwingt sogar dazu.

Und dazu kommt der süße Duft der Gefahr: Jedes Konzert ist immer eine Mischung aus Wagnis und Routine; je professioneller ein Orchester, desto sicherer, gewisser, ungefährdeter das Resultat. Es gibt also bei allem in die Musik hineinkomponierten Drama kaum etwas Harmloseres als ein Konzert. Anders diesmal: Der Abend mit »Slam Symphony« könnte richtig schiefgehen, es reichte schon ein schlechter Text und das Format wäre – schon wieder dieses Wort – entzaubert.

Und das fühlt sich im Klassikbetrieb, in dem alles auf größtmögliche Absehbarkeit und Störungsfreiheit ausgelegt ist, tatsächlich ein wenig verwegen an.

Die Worte leuchten hinein in den Maschinenraum der Musik, manchmal finden sie etwas Neues, manchmal entdecken sie etwas schon einmal Gefundenes wieder, und daraus entsteht dann entweder ein eigenes kleines Kunststück oder auch keines, es steht wieder etwas auf dem Spiel, endlich, es ist nur ein Spiel, aber eines, bei dem alle gewinnen wollen.

Es ist ein Konzert, von dem vorher jemand die Schutzfolie abgezogen hat.

Und noch etwas fällt auf, nämlich: die Paradoxie dahinter, wie sich die Kunst im Konzertsaal entfaltet. Ein Konzert ist ja nicht nur eine gleichzeitige Versammlung von Musikern, Zuhörern, Tönen und den dazugehörigen Gedanken. Sondern, immer wieder neu, ein kleines Weltwunder, eine Maßanfertigung von über hundert Musikern nach alten Bauplänen, errichtet nach Maßgabe des Dirigenten, der die Harmonien neu vermisst und die Abstände zwischen Piano und Forte und Schnell und Langsam neu festlegt. Das Ergebnis: Klang. Der sich im Konzertsaal, durch die genau richtige Anordnung der Instrumente und der Wände selbstständig formt und mischt und dann in bei den Zuhörern ankommt, in alle Ohren geht und dann im Kopf und im Bauch als Gefühl ankommt. Musik also, nichts anderes als aus Gefühlen entstandene Schwingung, die wieder in Gefühle mündet; Töne, die als Idee beginnen, dann einen ganzen Saal ausfüllen, um schließlich maximal reduziert wieder zu Gedanken zu werden.

Und auch, wenn niemand mit Gewissheit sagen kann, wie sich das Gefühl bei anderen   anfühlt, ist es doch genau vorgeschrieben: als Bauplan, in der Partitur. Und es ist der Dirigent, der darauf zu achten hat, die Vorschriften nach Sinn zu durchsuchen und in ihren Grenzen größtmöglich auszureizen, aber eben auch: die Vorschriften exakt einzuhalten, nicht allzu weit abzuweichen, alle Gefühle sind notiert, im besten Wortsinne vor-geschrieben. Es gibt, auch so gesehen, wenig verlässlichere, sicherere, harmlosere Vorhaben als einen Konzertbesuch. Zumindest dann, wenn man beim Zuhören sich selbst überlassen bleibt.

Anders dieser Abend: Er ist, rein emotional, ein Sprung in unbekanntes Gewässer.

Ein Gefühl ist nicht erst dann ein Gefühl, wenn es jemand als solches bezeichnet, aber manchmal hilft es beim Fühlen, wenn man jemanden übers Fühlen reden hört.

Es wäre ein Fehler, »Slam Symphony« misszuverstehen als einen Versuch, ob sich Musik mit Buchstaben schreiben lässt, und natürlich geht das nicht. Die Musik bräuchte die Texte so wenig wie die Texte einen Notenschlüssel brauchen, um ihre Tonart zu finden. Aber es ist gut, dass diesmal beides da ist.

Florian Zinnecker